aus: "Lienhard v. Monkiewitsch", Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen Band 43, Hrsg. Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Hannover 1994, S.91

Walter Vitt

"Versucht man ein Resümee der Betrachtung der Kunst des Lienhard von Monkiewitsch, wie diese sich im vergangenen Jahrzehnt darstellt, so fällt insbesondere die entwickelte Fähigkeit auf, Raum-im-Bild-Probleme unter Verzicht auf die perspektivische Tradition zu lösen. Trotz deutlicher Reduktion von Form und Farbe hat sich unter Anwendung von Bildsystemen eine enorm aufgefächerte Bildwelt geformt, wobei das schwarze Quadrat und dessen Deformation als werkbestimmender Faktor in Erscheinung treten. Von der intuitiv gesteuerten Form-Erfindung fand er den Weg zur Nutzung vorhandener Formen. Als Künstlerpersönlichkeit rückt Monkiewitsch vom einmaligen, sich selbst meinenden Genie-Typ ab, indem er zufälligen Bildlösungen ästhetische Qualitäten zubilligt und in der Zusammenarbeit mit nicht professionellen Partnern den gestalterischen Prozess von einem ästhetischen Model wegführt, das nur den Genius gelten lässt. ...

... Sein Werk gehört zweifelsohne zum großen konstruktiv-konkreter Gestaltung, gleichwohl in einer Randposition. Die Eroberung des konstruktiven Gestaltungsmaterials und gleichzeitig dessen gelegentliche oder auch ständige respektlose Umdeutung, Zerschneidung, letztlich Zerstörung hat ihn als unorthodoxen Vertreter dieser Kunst heranreifen lassen. Solche kritischen Beiträge braucht das Weltbild der konkreten dringlich zur Auffrischung. Seine wichtigsten Erfindungen gelangen dem Braunschweiger Maler im furchtlosen Dialog mit Kasimir Malewitsch und dessen "Schwarzem Quadrat"."

Lienhard von Monkiewitsch

Seit 1986 ist das verbindende Thema meiner Arbeiten die Darstellung des Raumes. Anfangs versuchte ich dies mit den Mitteln der Perspektive, später (ab 1984) mit tiefen, matten, saugenden Farben, die schließlich zu dem Schwarz führten, das für meine heutigen Arbeiten bezeichnend ist. Der Prozess des Pigmentauftragens erzeugt, wenn es sich um Bilder Handelt, Spuren auf der Leinwand, die die Wirkung des Schwarz ambivalent erscheinen lassen. Es ist dann nicht nur allein als Tiefe zu empfinden sondern kommt dem Betrachter auch entgegen. Das Schwarz scheint zu strahlen. Es schiebt sich vorwärts, selbst vor leuchtendes rot des Grundes. Ähnlich verhält es sich bei den Betonobjekten, die mit ihrer schwarzen Oberfläche einen Durchblick in die Unendlichkeit suggerieren, aber gleichzeitig auch Schatten werfen und dabei das "Loch" vor die Wandfläche heben. Die Objekte verjüngen sich zur Wand und geben erst spät den Blick auf ihre Materialität frei. Dies verursacht ein optisches Erschrecken, einen Wechsel von Materialempfindung und Entmaterialisierung. Mein schon in den Titeln der Arbeiten sich offenbarendes Verhältnis zur Malewitsch ist als ein spielerisches zu sehen, wie überhaupt das Spielerische in meinen Arbeiten bei aller sichtbaren Strenge das Treibende Moment ist. Malewitschs "Schwarzes Quadrat auf weißem Grund" wird von vielen Künstlern verehrt und

hat zu vielerlei künstlerischer Auseinandersetzung mit ihm geführt. So auch bei mir. Es ist mit einer unglaublichen Konsequenz bereits am Anfang unseres Jahrhunderts (zwischen 1913 - 15) entstanden und stellt eine radikale Bildfindung dar die ihresgleichen sucht. Malewitsch hätte mit dieser Findung sein Schaffen beenden können, er hatte das Bild auf seine Urformel reduziert. Aber er erweiterte sein formales Konzept erneut bis hin zu seinem renaissancehaft aufgefassten Selbstportrait. Bei der Reduzierung meiner Architekturblöcke zu perspektivelosen flächigen Formbetrachtungen stieß ich auf die suprematistischen Formen wie Quadrat und Rechteck, die ich durch je 2 Schnitte zu je 3 Formen zerlegte und deren systematische Kombination zu einer neuen Formenvielfalt führte. Mit diesen Schnitten beging ich sozusagen einen spielerischen "Vatermord" an Malewitsch. Die intensive Beschäftigung mit seinem Werk und vor allem mit seinem Denken hat mir aber auch Grenzen meiner Bewunderung für seine religiös dogmatische, suprematistisch-gegenstandslose Welt aufgezeigt. So ist mein Verhältnis zu ihm gekennzeichnet durch Bewunderung und Distanz zugleich, was mir diesen scheinbar respektlosen Umgang mit ihm ermöglicht. Meine schwarzen Arbeiten komprimieren keine religiösen Inhalte, sie sind keine Ikonen, sie vermitteln dem Betrachter das physische Erlebnis von Schwarz und lassen ihn sich selbst erleben. In einer Reihe von Arbeiten habe ich mich auch auf Malewitschs kosmische Vorstellungen bezogen. In seinen suprematistischen Bildern begegnet mir ein
wohlgeordneter "göttlich" durchkomponierter Kosmos, Bilder mit eindeutiger Zuordnung von oben und unten. Bei meinen Kompositionen oder Konstruktionen mit Quadrat, Rechteck und Parallelogramm gibt es kein "oben", die Bilder sind frei hängbar, häufig findet die Komposition mit Hilfe der Gesetze des Zufalls statt, Zufälle, die ich bisweilen von Freunden herbeiführen lasse, um keine Mythos aufkommen zu lassen über die Genialität meiner eigenen Zufallswürfe. Die Formen, die ich seit längerer Zeit benutze, sind neben dem Quadrat das Parallelogramm und das schmale Rechteck, die in meiner Vorstellung auch Quadrate sind. Sie sind schräg im Raum fliegende Scheiben-Quadrate aus weiter Entfernung gesehen, so dass das Moment der Perspektive entfällt. Bei den "Konstruktionen" mit eben diesen Formen erlaube ich mir eine regelhafte Ordnung, die aber auch als ideal geratener Zufall gemeint sind, ich denke etwas voraus, was sich zwangsläufig einmal ergeben würde.
Lienhard v. Monkiewitsch